Familie: Warum man zum Weinen nicht ins Schlafzimmer gehen sollte
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Familiennewsletter Warum man zum Weinen nicht ins Schlafzimmer gehen sollte Ein Familiennewsletter von Marianne Wellershoff Kinder können mal traurig sein – Eltern auch. Aber sollten Eltern ihren Kindern zeigen, dass sie weinen? Oder verunsichert es Kinder, wenn Mama oder Papa von Emotionen durchgeschüttelt werden? Ein Erfahrungsbericht. 11.04.2026, 12.46 Uhr Zur Merkliste hinzufügen Artikel anhören (8 Minuten) 8 Min X.com Facebook E-Mail Link kopieren Weitere Optionen zum Teilen X.com Facebook E-Mail Messenger WhatsApp Link kopieren Natürlich dürfen Jungs weinen, Männer auch, Mädchen und Frauen sowieso. Aber Eltern? Ist es in Ordnung, wenn Papa schluchzt, wenn Mama die Tränen herunterlaufen, und der dreijährige Sohn, die 13-jährige Tochter sieht das? Oder ist das zu verstörend für Kinder? Ist es besser, wenn die Eltern sich zusammenreißen und heimlich im Schlafzimmer ihre Trauer herauslassen? Unsere Zwillingstöchter sind inzwischen 17 Jahre alt, und es hat in diesen 17 Jahren so einige Momente gegeben, in denen ich mir genau diese Frage gestellt habe. Dass Eltern nicht ihre Wut laufen lassen sollten , schon gar nicht gegenüber ihren Kindern, das ist klar und gesellschaftlicher Konsens. Aber gilt das auch für Trauer? Mutter und Tochter (Symbolbild): »Kinder dürfen erleben, dass Erwachsene unterschiedliche Bedürfnisse und Emotionen haben« Foto: fotostorm / E+ / Getty Images Ich erinnere mich da an eine Situation vor einigen Jahren: Meine Tochter wollte gern in mein winziges Arbeitszimmer ziehen, ich sollte stattdessen ihr schönes, helles Zimmer bekommen. Ich denke, sie brauchte als Abschied von der Kindheit einfach mal einen Wechsel, und das hat für sie den Verlust an Platz aufgewogen. Mich aber hat der Tausch aus der Kurve getragen – warum, weiß ich bis heute nicht; womöglich könnte ein Psychoanalytiker mir hier weiterhelfen. Jedenfalls kamen mir die Tränen, und ich wollte auf keinen Fall, dass meine Tochter das sieht, weil ich ihr die Freude am neuen Zimmer nicht vermiesen wollte durch ein Schuldgefühl. Und deshalb habe ich mich ins Bad verzogen und dort einige Tränen vergossen. Danach ging es mir besser. SPIEGEL WISSEN 1/2026 Wie fühlst du dich? Gefühle zeigen uns, was wir brauchen. Doch wie geht man gut mit ihnen um? SPIEGEL WISSEN hilft dabei, die eigene emotionale Kompetenz zu verbessern. Zur Ausgabe Im SPIEGEL Shop bestellen Bei Amazon bestellen War das richtig? Nein, denke ich heute, insbesondere, seit ich den Text der Kinderpsychotherapeutin Hilal Virit gelesen habe. »Kinder dürfen erleben, dass Erwachsene unterschiedliche Bedürfnisse und Emotionen haben«, erklärt Virit, und »wie man konstruktiv damit umgeht.« Das bedeutet zum Beispiel, dass Eltern sich auch vor ihren Kindern streiten dürfen, wenn sie anschließend Strategien vorleben, wie man den Dissens auflöst und sich wieder versöhnt. Denn Kinder lernen den Umgang mit Emotionen am Vorbild, und das sind die Bezugspersonen – die Eltern, aber auch Erzieherinnen oder Lehrer. Ungünstig ist es allerdings, so Virit, wenn Eltern häufig Partnerschaftskonflikte austragen und diese dann auch noch eskalieren. Davor sollten Eltern ihre Kinder schützen. Als ich damals wieder aus dem Badezimmer kam, räumte mein Mann gerade gemeinsam mit meiner Tochter ihr neues Zimmer ein. Natürlich hatte sie mitbekommen, dass ich eine emotionale Krise durchlebt hatte. Ich bin zu ihr gegangen und habe ihr gesagt, ich wisse selbst nicht genau, was mich plötzlich so verstört habe – aber nun sei alles wieder gut. Dann habe ich meine Kisten ausgepackt und mich über das große Zimmer gefreut. Als ich später den Tod meines Vaters und meiner Mutter betrauerte, da habe ich mich nicht zurückgezogen. Meine Töchter haben mich in den Arm genommen und mich getröstet. Wie gehen Sie in Ihrer Familie mit starken Gefühlen um? Ich freue mich, wenn Sie mir Ihre Erfahrungen und Strategien schildern: familiennewsletter@spiegel.de Die Idee hinter dem Familiennewsletter Einmal die Woche erzählen fünf Mütter und Väter aus ihrem Leben und geben Lesetipps, was für Familien interessant sein könnte. (Wer wir sind, lesen Sie hier.) Schreiben Sie uns gern Ihre Gedanken zum Thema Familie, Ihre kleinen Geschichten aus dem Alltag, Ihre besonderen Momente mit Ihren Kindern! Wir würden uns freuen! Unsere Adresse: familiennewsletter@spiegel.de Hier können Sie den kostenlosen Familiennewsletter abonnieren. Meine LesetippsDas Herz rast. Man schwitzt. Der Atem wird schneller. Was bedeutet das? Angst? Wut? Oder ist man gerade fünf Stockwerke hochgerannt? Die körperlichen Symptome für Emotionen sind recht unspezifisch, und trotzdem wissen wir ziemlich genau, was wir empfinden. Wieso uns das gelingt, wie Gefühle überhaupt entstehen, das erklärt meine Kollegin Maren Keller in ihrem Text über den Stand der Emotionsforschung in der neuen Ausgabe von SPIEGEL WISSEN »Wie fühlst du dich?«. Haben Sie schon mal von Alexithymie gehört? Das umgangssprachliche Wort dafür ist Gefühlsblindheit. Der Arzt Georg Behrens heiratete, bekam Kinder und hatte dennoch jahrelang keinen Zugang zu seinen Emotionen. Erst als Erwachsener hat er gelernt, Angst oder Ärger zu spüren. Wie er seine Emotionen dann doch registrierte und akzeptierte, schildert er in seinem Erfahrungsbericht. Wenn Mama oder Papa sterben, ist das für Kinder dramatisch, egal, wie alt sie sind. Trotzdem gibt es nur wenige Einrichtungen, die in dieser schwierigen Zeit des Verlusts für die Kinder und das verbliebene Elternteil da sind. Das »Trauerland« in Bremen ist da anders . Hier können Kinder wie Ursel und ihre Schwester darüber sprechen, dass sie Papa und Oma vermissen – wenn sie möchten. Oder sie spielen und toben, wenn ihnen danach zumute ist. Das Konzept kommt übrigens aus den USA. Eine Emotion, die man gar nicht genug schätzen kann, ist die Freude. Gerade in diesen konfliktreichen Zeiten kommt sie kurz. Mein Kollege Markus Deggerich hat erkundet, wo man sie heute noch findet . Im Freudenhaus vielleicht? Nun ja. Auf jeden Fall liegen Freude und Wohlbefinden im Engagement für andere, das ist wissenschaftlich erwiesen. Und wenn man sich für Zusammenhalt einsetzt, was in diesen polarisierten Zeiten bitter nötig ist, dann kann man sich möglicherweise auch über den Gewinn des Social Design Awards freuen. »Wir schaffen Verbindungen« ist das Motto des diesjährigen Wettbewerbs, zu gewinnen gibt es einen Jury- und einen Leserpreis, beide sind mit 2500 Euro dotiert. Bis zum 31. August 2026 können Sie Ihr Projekt einreichen, zu den Unterlagen geht es hier. Reichen Sie Ihr Projekt ein beim Social Design Award 2026! Illustration : Xaviera Altena »Wir schaffen Verbindungen« ist das Motto des diesjährigen Social Design Awards, den SPIEGEL WISSEN in Kooperation mit dem Handelsunternehmen BAUHAUS ausschreibt. Bis zum 31. August 2026 können Projekte eingereicht werden, die Brücken bauen und den Zusammenhalt stärken. Machen Sie mit! Reichen Sie Ihr Projekt ein! Das jüngste GerichtDer vergangene März war wieder mal zu warm (im Vergleich zu den Jahren von 1961 bis 1990), und sowieso denke ich im Frühling gern an schöne Gartenpartys. Oder an ein Picknick im Park, wenn man, wie wir, in einer Wohnung lebt. Unsere Töchter lieben das auch, im vergangenen Sommer haben sie öfter mit ihren Freundinnen und Freunden im Park auf Decken gesessen und zu Abend gegessen. Schöne Alternativen zum unverwüstlichen Käsebrot sind hier zusammengestellt – wie wäre es mit Pastinaken-Rote-Bete-Hummus? Mein MomentWann endet der Erziehungsauftrag? Mit dem 18. Geburtstag? Oder läuft er nach und nach aus? Mit diesen Fragen habe ich mich vor einigen Wochen in diesem Familiennewsletter beschäftigt. Dazu habe ich Post bekommen von einer Mutter, die sich darüber auch Gedanken gemacht hat: »Ich bin alleinerziehende Mutter von eineiigen Drillingsmädchen, die im Dezember 18 geworden sind. Was ich witzig finde, ist, dass nicht nur ich mich als Mutter an die ›erwachsenen‹ Töchter gewöhnen muss, sondern sie selbst sich auch. Da kommt immer mal noch eine und sagt: ›Mama, ich brauche deine Unterschrift.‹ Und es ist auch schön, wenn sie immer noch fragen, ob es ok ist, wenn sie abends lange wegbleiben oder auswärts übernachten, und nicht nur darüber informieren. Das schleicht sich sehr gemächlich aus.« Herzlich, Ihre Marianne Wellershoff Startseite Feedback





